Nachforschungen von Dr. Ludwig
Weth fördern erstaunliche Erkenntnisse zutage
Dass das Grafenrheinfelder Rathaus seit 400 Jahren existiert, ist im Ort
hinlänglich bekannt und wurde in der vergangenen Woche mit zahlreichen
Veranstaltungen im Rahmen einer Kulturwoche gebührend gefeiert. Dass aber
bereits um etwa 1550 ein erstes Rathaus im Dorf des Rokoko errichtet wurde,
ahnte bis vor kurzem noch niemand.
Vor etwa einem Jahr trat die Gemeinde mit dem Wunsch an Dr. Ludwig Weth
heran, anlässlich des 400jährigen Bestehens des Rathauses eine ausführliche
Festschrift zu erstellen. Dr. Weth, promovierter Historiker und bereits als
Verfasser der umfangreichen Dorfchronik von 1981 bekannt, kam im Laufe seiner
Forschungsarbeit zu der Erkenntnis, dass das im Volksmund als "Pflegerhaus"
bezeichnete Gebäude am Eingang zum Kirchplatz – die heutige Pizzeria "Ai due
Galli" – das erste Grafenrheinfelder Rathaus gewesen ist. Man war in der
Literatur und im Ort stets davon ausgegangen, dass Quellen, in denen vom Rats-
und Gemeindehaus die Rede waren, sich auf das heutige Rathaus an der
Hauptsstrasse bezogen. Eingehende Nachforschungen im örtlichen Gemeinde- und
Pfarrarchiv, sowie im Staatsarchiv Würzburg aber belegen jetzt, dass tatsächlich
das Gebäude Nr. 27 am Kirchplatz (nach alter Zählung, Anmerkung der Redaktion) –
zugleich bedeutender Teil des Kirchplatzensembles – in der zweiten Hälfte des
16.Jahrhunderts als Rathaus errichtet und "1603 mit Zustimmung des Domkapitels
zu einem reinen Gemeindewirtshaus umgewandelt" wurde. Diese veränderte Sachlage
erforderte deshalb die Einbeziehung des gesamten Kirchplatzensembles in die
Untersuchung, um "Gründe für den Neubau im Jahre 1602 herausarbeiten zu können",
erläutert Ludwig Weth im Vorwort seiner Abhandlung über "Das Rathaus von
Grafenrheinfeld 1602 – 2002", die am morgigen Dienstag erscheint. Das 127 Seiten
umfassende, gebundene Werk – fotografisch gestaltet von Richard Riegler –
gewährt Einblick in die Geschichte Grafenrheinfelds, lässt das Leben um 1600
aufleben, beschreibt die verschiedenen Dorfämter und dokumentiert die
Entwicklung bedeutender historischer Baudenkmäler, die so "erheblich zur
Identität einer Gemeinde beitragen". Sogar die Originalfassung der Dorfordnung
von 1604 – übertragen in lesbares Deutsch von Kreisheimatpfleger Longin Mößlein
– ist nachzulesen und belegt sehr eindringlich, in welches "Netz von Geboten und
Verboten, Pflichten, Dienstleistungen, Abgaben und Vorschriften" unsere
Vorfahren eingebunden waren. Die umfangreiche Abhandlung ist das Produkt
intensivster, aber auch höchst interessanter Arbeit, wie Dr. Weth zugibt.
Diverse Ferientage sind bei den Nachforschungen draufgegangen, erläutert der
stellvertretende Schulleiter des Gymnasiums Wiesentheid. Schwierig war es auch,
sich in die verschiedenen, teilweise fast unleserlichen
Schriftstücke längst vergangener Tage einzufinden. Wenn allerdings
solch spektakuläre und unerwartete Tatsachen zu Tage gefördert werden, schlägt
natürlich das Historikerherz gleich noch ein bisschen schneller. Im Rahmen
seiner Recherche ist Weth dann noch quasi zufällig auf ein weiteres Stück
Dorfgeschichte - einen etwa
170 Jahre alten,
guterhaltenen Tonkrug der Firma Selters - gestoßen, der in der einstigen
Badstube oder Apotheke genutzt wurde. Die Festschrift ist in der Gemeinde für 10
Euro erhältlich.

Dorfchronist Dr. Ludwig Weth – hier vor Grafenrheinfelds zweitem Rathaus!!! -
stieß im Laufe historischer Nachforschungen anlässlich des 400jährigen Bestehens
desselben auf erstaunliche Tatsachen.
FOTO DANIELA SCHNEIDER